Brauchen wir eine Impfpflicht?, Karl Lauterbach

Prof Dr. Karl Lauterbach MdB

Für die WHO gehören Impfverweigerung oder ungenügende Impfbereitschaft trotz verfügbarer Impfstoffe zu den zehn größten Gefahren für die globale Gesundheit. Dabei ist das Impfen die effizienteste und effektivste Methode, um Krankheiten zu vermeiden oder komplett zu eliminieren und viele Menschenleben zu retten. 1980 hat die WHO die Ausrottung der Pocken für erfolgreich erklärt, 2002 die Poliomyelitis (Kinderlähmung) in Europa. Dennoch sinken die Impfquoten in der Europäischen Region der WHO seit fünf Jahren. Krankheiten wie die Masern werden durch unzureichendes Impfen immer wieder und unnötigerweise zu einer epidemischen Bedrohung. Die Zahl der weltweiten Masernfälle ist laut WHO in den letzten Jahren wieder um 30 Prozent gestiegen. Die Zahlen sind erschreckend. 14.393 Fälle registriert das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) von Dezember 2016 bis November 2017 in Europa. Die meisten Fälle in Rumänien (5966), Italien (4985), Deutschland (937) und Griechenland (625). Im Januar und Februar dieses Jahres wurden in Deutschland bereits 132 Fälle registriert, 2018 waren es im gleichen Zeitraum nur 46 Fälle. Im Jahr 2017 verstarben weltweit 110.000 Menschen an den Masern. Die meisten Opfer sind bei Kindern unter fünf Jahren zu beklagen.

Deutschland hat sich gemeinsam mit anderen Ländern das Ziel gesetzt, die Masern bis zum Jahr 2020 in Europa auszurotten. Der „Nationale Aktionsplan 2015-2020 zur Elimination der Masern und Röteln in Deutschland“ formuliert hierzu ein Bündel von Maßnahmen und Aktionen. Um das gesteckte Ziel zu erreichen, braucht es eine Impfquote von mindestens 95 Prozent für die zweifache Masernimpfung. Eine Quote von knapp 93 Prozent (2016) in Deutschland ist zu niedrig, um die Masern zu eliminieren. Vielmehr ist Deutschland „in Europa Schlusslicht der Masernelimination“, konstatiert das Robert-Koch-Institut in einer Untersuchung zu den Impfquoten bei Rota-, HPV-, Masern- und Influenza-Impfung im November 2017. Folgerichtig ist die anvisierte Ausrottung von Masernviren in Europa bis 2020 nicht zu schaffen.

In der EU ist in 14 Ländern die Impfung gegen mindestens eine Krankheit vorgeschrieben. Eine Masernimpfpflicht besteht in acht osteuropäischen EU-Staaten. In Deutschland gibt es bislang keine Impfpflicht. Die Bürgerinnen und Bürger können selbst entscheiden, ob sie sich impfen lassen oder nicht. Grundsätzlich ist die Impfbereitschaft in Deutschland hoch. Aus den verschiedensten Gründen ist sie aber noch nicht hoch genug: aus Angst vor Nebenwirkungen – die Behauptung, eine Masernimpfung könne Autismus verursachen, ist längst entkräftet -, aus Unwissenheit oder aus Vergesslichkeit. Und es gibt Impfverweigerer aus Prinzip, die die Wirksamkeit einer Impfung bezweifeln, die Anhänger einer homöopathischen Alternativmedizin sind oder eine Impfung aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen ablehnen.

In der Wissenschaft herrscht weitest gehende Einigkeit darüber, dass den notorischen Impfgegnern die Faktenbasis für ihre Behauptungen fehlt. Die Verabreichung von Impfstoffen und anderen Arzneimitteln kann zu Nebenwirkungen führen. Das ist unbestritten. Es liegt auch in der Natur der Sache, dass viele Nebenwirkungen erst erkannt werden können, wenn die Arzneimittel einer größeren Zahl von Menschen über einen längeren Zeitraum verabreicht werden. Daher muss jede Gabe von Arzneimitteln und die dabei bestehenden Risiken persönlich mit dem Arzt besprochen werden.

Der Nutzen von Impfungen überwiegt die Risiken von Nebenwirkungen bei weitem. Nebenwirkungen können bei jedem Medikament und bei jedem Impfstoff auftreten. Entscheidend ist das Verhältnis zur Wirkung. Die möglichen Folgen einer Impfung sind um ein Vielfaches weniger dramatisch als die Folgen einer Masernerkrankung. Das Risiko einer Nebenwirkung wird während des Zulassungsverfahrens in groß angelegten klinischen Studien ermittelt. Bei diesen Studien muss genau darauf geachtet werden, dass die Entstehung transparent ist, und es müssen alle Daten publiziert werden, wie auch immer die Ergebnisse ausfallen.

Tendenziell ist es in Deutschland so, dass sich Menschen mit mittlerem und niedrigem sozioökonomischen Status häufiger impfen lassen als Menschen mit hohem Sozialstatus. Das gilt auch für die Masernimpfung. Studien zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS-Studien) belegen, dass ein hoher sozioökonomischer Status mit einer niedrigeren Impfquote korreliert. Das heißt, die Reichen und Gebildeten sind in Deutschland die eigentlichen Impfverweigerer, die es besser wissen könnten. Stattdessen wird über das Impfen als Beschränkung der individuellen Freiheit fabuliert und der Ausbruch einer hochansteckenden Krankheit billigend in Kauf genommen. Umgekehrt profitiert man als Trittbrettfahrer aber klaglos von der verantwortungsvollen Handlung der vernünftigen Mitmenschen. Fanatische Impfgegner, ob höher gebildet oder nicht, setzen auf inakzeptable Art und Weise die Gesundheit sehr vieler Menschen aufs Spiel. Machen wir uns nichts vor: Weitere Informations- und Aufklärungskampagnen für die freiwillige Impfung werden in diesem Personenkreis nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Ich selbst befürworte bei einer so gefährlichen Krankheit wie den Masern eine Impfpflicht.